Momo
nach der gewonnenen Zeit

STÜCKINFORMATION


 

Eine Reise zu den Quellen der Zeit

Schauspiel, Bühnenbild:
ca. 20 Personen sind derzeit an der Entwicklung des Stückes beteiligt

Regie: Paul Josiger

Stücklänge: 90 - 120 Minuten

Geplante Aufführungen:
2013

 


"Momo ist da", und wo sie auftaucht, schart sie die Menschen um sich. Alles läuft bei ihr ein bißchen ruhiger, man hat Zeit füreinander: gemeinsam spielen, Geschichten erzählen, zuhören, die Welt vergessen, zufrieden sein. Wäre da nicht der schnelllebige Rhythmus unserer postmodernen Zeit und ihre komprimierten Stunden. "Wer Zeit spart, spart Geld", versprechen die grauen Männer, und mehr und mehr Menschen glauben daran. Momo ist immer häufiger allein; sie ahnt, dass hier irgendwas nicht stimmen kann. Zusammen mit ihrer Schildkröte Kassiopeia macht sich auf den Weg zu den Quellen der Zeit.

Am Ende der Niemalsgasse finden sie das Haus von Meister Hora. Zusammen beratschlagen die drei, wie sie die einnehmende Macht der Zeitsparkasse unterbinden können. Schließlich müssen sie eine schwerwiegende Entscheidung fällen: Meister Hora wird für eine Stunde alle Zeit der Welt anhalten, und Momo und Kassiopeia haben nur diese eine Stunde, um den grauen Herren und ihren menschenunwürdigem Zeithandel ein Ende zu bereiten.

 

 

PROBEN

 

 

Wir proben jeden Montag und Dienstag um 19 Uhr im KUBUS in Jena Lobeda West. Die Proben sind für jedefrau und jedermann offen, die Lust auf Schauspiel, Maskenspiel, Figurenspiel (Großpuppen) haben. Die Ausgestaltung des Bühnenbildes sowie die Organisation der Aufführungen legen wir in die Verantwortung aller Beteiligten. Gemeinsam wird eine Inszenierung entwickelt, die unseren zeitgenössischen Umgang mit der Zeit aufgreift und hinterfragt. Das Stück ist als publikumsnahes Erlebnis für Kinder als auch für Erwachsene geplant; erste öffentliche Aufführungen wird es im 1. Quartal 2013 geben.

Bei Fragen kontaktiert uns einfach: >> Kontakt

 

 

 

DRAMATURGISCHER HINTERGRUND

LITERATUREMPFEHLUNGEN

 

Die Auseinandersetzung der Geschichte von Momo und den Grauen Herren ist heute fast wichtiger und aktueller als in den 70er Jahren, in denen das Buch entstand. Die "Schnelllebigkeit" unserer Zeit ist keine bloße Metapher sondern Leitideal unserer Kultur: Eine Populärkultur, die in der Werbung, im Sport und im Alltagsleben Zeitgewinne verspricht und feiert. Eine Populärkultur, die ihren Ausdruck findet in der Faszination und dem Erfolg von Fast-Food, Speed Dating, Blitzkrieg, von Formel 1-Fahrern, oder von Radiosendern, die ihre Nachrichten zwei Minuten eher senden. Dabei wird nahezu jede Anstrengung unternommen, die Abläufe der Natur als natürliches Zeitprinzip "Alles braucht seine Zeit" wegen ihrer Ineffektivität in wirtschaftlichen Prozessen hinter sich zu lassen.

Wir leben in einer Zeit wahrgenommener Beschleunigung, bei gleichzeitiger Überforderung und dem Gefühl hinterher zu hinken. Die Menschen leben in permanenter Angst, etwas zu verpassen und sich nie gerecht zu werden. Eine Gesellschaft deren Maxime vom "guten Leben" sich an der Auskostung von möglichst vielen Erlebnissen zur Bereicherung des Lebens in möglichst kürzester Zeit misst, darf sich nicht wundern, dass sie von Hektik, Stress oder Zeitnot bestimmt wird. Das Zerlegen von Handlungen und Erlebnissen in immer kleinere Sequenzen mit schrumpfender Aufmerksamkeit, die dem einzelnen Erlebnis gegenüber gewidmet wird, kann als regelrechte "Tyrannei des Augenblicks" bezeichnet werden, die durch permanente Erreichbarkeit, durch Flexibilisierung sowie durch Informationsüberschuss und Güterüberfluss verursacht wird.

Spontanität, Unregelmäßigkeit, Entspanntheit und die einfache leere ungenutzte Zeit wurden zugunsten einer rastlosen, antreibenden Vision aufgegeben. Entsprechend wird auch die Freizeit verzeitlicht, gemanagt und kommerzialisiert. Der Verlust der Erkenntnis, dass wir in natürliche Zeitrhythmen eingebunden sind, dass wir in erster Linie Naturwesen sind und bleiben, die völlige Ignoranz der Zeitordnungen anderer Arten und Ökosysteme, sowie die beschleunigte Maßlosigkeit, mit der der Mensch das Leben dieser Erde bestimmt, führen zu gravierenden Krisen des Selbst und der individuellen Wahrnehmung.

In einer Gesellschaft der Beschleunigung, findet eine Verflüssigung vormals stabiler Strukturen von Identitätsentwürfen zugunsten offener, experimenteller, fragmentarischer Identitätsentwürfe, statt. Die Erfahrung einer zusammenhanglosen scheinbar beliebigen Zeit bedroht die Fähigkeit der Menschen, ihre Charaktere zu konsistenten "Geschichten" zu formen. Die Zerstörung des Charakters scheint eine vermeintliche Folge dieser Entwicklung werden zu können. So haben sich etwa seit 1996 der Anteil derer die meinen "sie hätten von ihrem Leben sowieso nichts neues mehr zu erwarten" verdoppelt. Jüngere Studien weisen auf bedeutsame pathologische Erscheinungsformen wie stressbedingte Herzkreislauferkrankungen, Depressionskrankheiten hin, die laut Statistiken der WHO zur zweithäufigsten Krankheit geworden sind. Die Entstehung eines völlig neuen Krankheitsbildes, der sogenannten "Eilkrankheit" oder "Zeitkrankheit" ist die Folge.

Der hier beschriebene Zustand entspricht dem, durch das Handeln und Wirken der Grauen Herren hervorgebrachten Zustand in unserem Stück. Ein Zustand der angesichts der Unfähigkeit der Seele ihre Energie auf ein festes, beständiges, für lohnenswert erachtetes Ziel zu richten und tatkräftig zu entfalten, durch eine gleichsam künstliche Trägheit, Öde und Leere (bei gleichzeitiger innerer Ratlosigkeit), durch Seelenlähmung und den Verlust der Entwicklungsperspektive für das Selbst gekennzeichnet ist.

Wir zeigen in unserer Inszenierung Menschen, die in dieser Gesellschaft leben und die dank Momo und stellvertretend durch Momo Widerstand leisten und aufbegehren, um für die Zurückgewinnung der Zeit und gegen die Ökonomisierung der Zeit zu kämpfen. Ein Kampf um Leerstellen, Momente der zeitlosen Zeit, Momente der Gemeinschaft in der sonst beschleunigten Welt, ein NEIN!, das die Grauen Herren zurückwirft, einen bewussten Moment im Stress, in dem man einen kranken Menschen besucht, oder die Fähigkeit einfach nicht permanent aktiv, nicht immer 100 % effektiv und leistungsfähig zu sein. Michael Ende schreibt in seinem Buch, dass den Menschen das Träumen durch die Grauen Herren verboten wurde, denn "in der Stille des Augenblicks wurden sie gewahr, was aus ihrem Leben wirklich geworden ist." Wir möchten in unserem Stück den Menschen diesen Augenblick des Träumens zurückgeben.

MEHR MOMOMENTE!

 

 

 

  • Michael Ende: "Momo"
  • Sten Nadolny: "Die Entdeckung der Langsamkeit"
  • Stefan Klein: "Zeit"
    aus neurobiologischer Sicht
  • Hartmut Rosa: "Beschleunigung"
    aus soziologischer Sicht
  • Martin Heidegger: "Zeit und Sein"
    aus soziologischer Sicht
  • David Abram:
    "Im Bann der sinnlichen Natur"
    aus phänomenologischer Sicht

 

 

VIDEOGALERIE

 

 

 

 

 

 
 
 
 

Videotrailer bei "vimeo"

"MOMOMENTE"
Improvisiertes Schattentheater

Aufführung zum Kurztheaterspektakel #5
am 1. November 2012
im ehemaligen Möbelhaus Koch in Jena


Länge: 16:05 min

 

Weitere Videos improvisierter Schattenszenen
>> Session 1
>> Session 2

 

 

 

BILDERGALERIE

 

 

 

Ausschnitte der Probenarbeit vom September 2012

Fotografie: Tillmann Lützner